Wie ist das Leben mit Selektivem Mutismus eigentlich? Ein Einblick.

Abschließend zu meiner Blogtour konnte ich meine dreizehnjährige Schwester dazu überreden, euch einen Einblick in ihre Krankheit, den Selektiven Mutismus zu geben. An diesem leidet auch Reyes, was man in Band 1 offiziell allerdings nicht erfährt, da es einfach zu früh und zu unrealistisch wäre, dass es so bald schon eine Diagnose gibt.

Nachfolgend findet ihr den Text meiner Schwester in leicht korrigierter Fassung, aber auch Fotografien ihres ursprünglichen Texts, falls ihr lieber das Original lesen wollt.

Hey! Ich bin Eyleen!

Ich hab selektiven Mutismus, deshalb erzähle ich euch ein bisschen davon:

Viele können sich nicht vorstellen, wieso ich nicht spreche. Ich erkläre euch aber gerne, wie sich das bei mir anfühlt: Da ist eine riesige, runde Safetür, mit einem Rad vorne dran, damit man sie zumachen kann. Und es gibt kleine, weiße Männchen, sie haben kein Gesicht … sie sind viel kleiner als die Tür. Und wenn ich im Auto bin und kurz vor der Schule oder öffentlichen Orten bin, geht eine rot blinkende Lampe an, mit einem Alarm. Dann rücken die Männchen aus zu der Tür. Sie springen dagegen, sodass die Safetür zugeht und verschließen sie dann. Ab da kann ich nur noch mit meiner Mutter flüstern. So passiert das bei mir.

Der Alltag ist anstrengend und sehr stressig. Alles muss so laufen wie immer. Das heißt z.B. wenn ich verschlafe, dann überfordert mich das oft. In der Schule spreche ich eigentlich nur mit Klassemkameraden. Und wenn man nicht reden will bzw. kann, dann sollte man das so auch akzeptieren.

Am Ende des Tages bin ich immer kaputt … und dadurch, dass ich den ganzen Tag ruhig war, drehe abends oft auf und mache Geräusche. Wenn wir mehrere Arbeiten in einer Woche schreiben, bin ich überfordert.

Ich verstehe Sachen oft anders und nehme sie persönlich. Zum Beispiel verstehe ich Sarkasmus nur, wenn es sich sehr danach anhört. Und wenn meine Schwester (ja, du Buchschreiberin!) etwas sagt, aber sie es nicht persönlich meint, bin ich trotzdem oft wütend oder irgendwo verletzt. Aber wir vertragen uns dann wieder, meistens. 😀

Die Lehrer verstehen es eigentlich. Manche können Lippenlesen, manche nicht. Bei Präsentationen nehme ich alles auf ein Diktiergerät auf. Aber es ist extrem schwer, es vor der Klasse abzuspielen.

Wenn etwas in der Schule war, z.B. ein dummer Satz eines Klassenkameraden, dann bin ich anders und meine Mutter merkt das immer. Dann spricht sie mit einem Lehrer darüber und der spricht mit dem Klassenkameraden. So war das in der Grundschule. In der Realschule gibt es eigentlich kaum Probleme. Mein Lieblingsfach ist Englisch. Ich liebe Sprachen. Also Fremdsprachen.

Ich finde meine Stimme echt grässlich, aber z.B. meine Englischlehrerin, oder ein paar Klassenkameraden sagen, ich habe eine schöne Stimme.

Seit ungefähr meinem sechsten Lebensjahr habe ich Therapie. Es hat sich verbessert. Es geht voran, zwar nur kleine Schritte, aber wenigstens ein Schritt.

Ich liebe auch Musik, also Lieder. Die Songs von einer Band bedeuten mir viel, genauer gesagt zwei Lieder, weil ich mich von ihnen angesprochen fühle.

Manchmal ist mein Kopf voll von Gedanken und Sorgen … manchmal fühle ich mich alleine und unverstanden, aber ich kann mit jedem aus der Familie reden. Ich rede auch nur mit speziell ausgewählten Personen – Das haben die Männchen ausgewählt oder das Unterbewusstsein. Mit meinen Schwestern und Eltern und meiner Oma und Cousinen und Cousins rede ich, ansonsten mit niemandem bzw. ich flüstere nur. Außer bei meiner kleinen Cousine, die bedeutet mir viel.

Viele wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen und sind komisch oder reden komisch mit mir. Aber ich bin nicht anders. Wie meine ABFFIUE sagt: Ich habe Special Effects.

Manchmal frag ich mich ob es was bringen würde, meine Lieblingsband zu treffen oder einen meiner drei Lieblingsyoutuber. Aber ich glaube eher weniger. Wieso sollten sie sich auch extra mit mir treffen? Genau, es gibt keinen Grund.

Jetzt wisst ihr hoffentlich ein bisschen besser über den selektiven Mutismus Bescheid.

Nachfolgend eine Bildergalerie mit dem Originaltext (klicken zum Vergrößern):

Mir fällt es schwer, abschließende Worte für so viel Mut zu finden. Ich bin unheimlich stolz auf meine Schwester – nicht nur, weil sie diesen Beitrag geschrieben hat.

Für aufmerksame Leser der Blogtour werde ich auf Facebook und Instagram noch ein Gewinnspiel einstellen, stay tuned. Vielen Dank möchte ich außerdem an die anderen Bloggerinnen richten, die mich bei der Blogtour so tatkräftig unterstützt haben. Deren Beiträge findet ihr bei Johanna B. Becking, Süchtig nach Büchern, Bunte Worte und Biancas Bücherhimmel.

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